Moritz Liewerscheidt

Experimenteller Film

Jahrhundertwende

Die Kristallisation der Grundidee des Faschismus, seiner Philosophie und Mythologie, bleibt unverständlich, wenn man sie nicht auch als eine Revolte gegen den Materialismus begreift.
– Zeev Sternhell, Die Entstehung der faschistischen Ideologie

„Der Kapitalismus konnte das Irrationale so wenig austrocknen, dass es gerade als »Widerspruch« zu seiner Sachlichkeit und Rationalisierung immer stärker geworden ist; und der Vulgärmarxismus baut diesen Hunger gewiss nicht ab, indem er ihn allenthalben nur als zurückgebliebenen begreift.“
– Ernst Bloch, 1930

Olympiastadion

„Jahrhundertwende“ ist eine filmische Reflexion zum Verhältnis von Aufklärung und Romantik, Spätkapitalismus und (Neo-)Nazismus. Zugleich hinterfragt der experimentelle Film das vom TV-Dokumentarfilm gewohnte Verhältnis von Publikum und gesprochenem Kommentar. Gegenwartsbilder und Zitate historischer Texte kommentieren sich wechselseitig und lassen Raum, selbst zu denken.

Der Essayfilm feierte seine Festival-Premiere 2014 in Hamburg beim Internationalen Kurzfilmfestival (IKFF) und erlebte seither zahlreiche Vorführungen mit Publikums- und Podiumsdiskussionen. 2014 wurde „Jahrhundertwende“ von der AG Kurzfilm für den Deutschen Filmpreis vorgeschlagen. Im Juni 2015 fand der Film Aufnahme in die Ausstellung „Harun Farocki: Nicht löschbares Feuer…“ der Temporary Gallery – Zentrum für zeitgenössische Kunst in Köln, die künstlerische Positionen in der Traditionslinie des 2014 verstorbenen Essayisten versammelte.

danse macabre „Jahrhundertwende“, D 2012, 30 Minuten

Aufklärerische Fortschrittsaffirmation und romantische Fortschrittskritik treffen auf die vollendeten Tatsachen einer spätkapitalistischen Gesellschaft. […] Im Fokus des Films steht vor allem die regressive Tendenz einer Fortschrittskritik, die nicht zufällig in offenen Antisemitismus mündet und außerdem deutliche Parallelen zu zeitgenössischen Formen populärer Kapitalismus- und Globalisierungskritik aufweist. Der Film zeigt auf, dass sich in ihr Kernelemente nationalsozialistischer Ideologie finden und verfolgt schlaglichtartig deren Formierung zum Weltbild. Die Konfrontation von Texten aus einer Zeit vor dem Nationalsozialismus mit Aufnahmen aus dem heutigen Deutschland macht Liewerscheidts Film gleichzeitig zu einer Auseinandersetzung damit, wie im 21. Jahrhundert mit dem Erbe des Nationalsozialismus verfahren wird.
– Arbeitskreis Gesellschaftskritik, Universität Leipzig

Trailer

Sprecher: Moritz Reiter, Rami Hamze
Tonmischung: Ralf Schipke
Kamera, Montage, Konzept, Regie: Moritz Liewerscheidt
Supervision: Dietrich Leder, Andreas Altenhoff, Werner Dütsch
Produktion: Moritz Liewerscheidt und Kunsthochschule für Medien (KHM)
© 2012 Moritz Liewerscheidt

Screenings

19.07.2013: Köln, KHM
09.04.2014: Aachen, Raststätte: Grenzgänge Politischer Theorie
10.04.2014: Oberhausen, Druckluft
05.06.2014: Hamburg, Zeise-Kino, IKFF
07.06.2014: Hamburg, 3001 Kino, IKFF
07.06.2014: Hamburg, Filmraum, IKFF
18.10.2014: Leipzig, Cineding
19.10.2014: Chemnitz, Weltecho
13.11.2014: Bonn, Universität
21.01.2015: Köln, „Best of KHM“
24.01.2015: Düsseldorf, Butze
30.06.2015: Köln, KHM (Seminar „Kurze Formen“)
03.-19.07.2015: Köln, Temporary Gallery – Zentrum für zeitgenössische Kunst
09.07.2015: Köln, Temporary Gallery, mit Dietrich Leder
09.09.2015: Leipzig, Meuterei
04.10.2015: Berlin, Laidak
20.04.2016: Berlin, Humboldt-Universität
28.10.2017: San José, SJIFA
10.11.2017: Freiburg, Albert-Ludwigs-Universität
23.01.2018: München, iRRland
26.01.-23.02.2018: Stuttgart, ZERO ARTS
08.02.2018: Berlin, Reflektor Neukölln
12.04.2018: Berlin, Ludwig
19.04.2018: Heidelberg, Universität
04.05.2018: Stuttgart, Kunstverein Oberwelt
26.05.2018: Mönchengladbach, Museum Abteiberg
21.-24.06.2018: Berlin, Reflektor Neukölln
09.11.2018: Trier, Die Rückkehr des autoritären Charakters (Universität Trier)
28.11.2018: Oldenburg, Carl von Ossietzky Universität
07.01.2019: Darmstadt, Oetinger Villa
25.02.2019: Osnabrück, Universität
17.04.2019: Kassel, Filmladen
25.04.2019: Tübingen, Universität
05.07.2019: Freiburg, Albert-Ludwigs-Universität
06.08.2019: Chemnitz, Subbotnik

05.10.2019, 20.30 Uhr: Prag, Ponrepo Cinema – National Film Archive
12.10.2019, 19.30 Uhr: Hofgeismar, Ev. Akademie
27.11.2019, 17.00 Uhr: Aachen, Rhizom 115

Jahrhundertwende

“[…] The mindset of this age saw western civilisation as being in a crisis that required a massive and total solution. I think this is an essential point in the formation of fascist ideology, which is neglected in the popular media – maybe because it is so inconvenient: that it was born as a revolt against the materialism of the 19th century – both liberal and Marxist –, against literally everything the 19th century stands for: the idea of progress, materialistic science, the universal idea of mankind, rational enlightenment, civilisation. In this regard, Marx can be seen as a typical exponent of the 19th century – and the rise of fascism and Nazism in the early 20th century as a »turning point of the century« – or a rupture in civilisation.
The funny – or should I say disturbing? – thing is that today’s »postmodern« criticism of the universal claims of the Enlightenment – which is so popular among academic leftists – has some parallels with the fascist and National-Socialist anti-Enlightenment of the early 20th century. Alfred Rosenberg’s »Myth of the 20th century« was all about anti-universalism. The awareness of elements of Nazi ideology which originate in fin-de-siècle »Lebensreform (life reform) movement« seems all the more disturbing, since many of those ideas – emerged in response to the destructive effects of industrialisation to nature and traditional lifestyles – have become part of our »green« mainstream today, after being marginalised for decades after World War II. […] In my film, it might take a while until you realise the »sensitive guy« criticising environmental pollution or the »greed for money« is a fierce anti-Semite.”

– in: The Sociological Imagination (UK), 2014. Zum vollständigen Interview:

“A 1940′s record of a symphony written in late 19th century”: Interview with German filmmaker Moritz Liewerscheidt

Diskussion in OberhausenPublikumsdiskussion im Druckluft in Oberhausen, April 2014

Kommentar

Als Negativfolie und Legitimationsgrundlage für den jeweils eigenen politischen Standpunkt wird der ideologische Kern des Nationalsozialismus höchst unterschiedlich interpretiert.
Ein klassischer Linker etwa wird lieber von „Faschismus“ sprechen – und diesen als autoritäre Form bürgerlicher Herrschaft in wirtschaftlichen Krisenzeiten charakterisieren, die es in erster Linie dem Kapital ermögliche, munter weiter Profit zu akkumulieren; ein Liberaler wird entgegnen, der Nationalsozialismus sei gerade nicht bürgerlich gewesen, da er das Individuum unterdrückt habe und es sich im Kern um eine Form des Kollektivismus handle, die dem Kommunismus nicht unähnlich sei – schließlich heiße es ja auch Nationalsozialismus. Ein christlicher Konservativer wird sich Letzterem anschließen, jedoch Wert darauf legen, dass der Nationalsozialismus vor allem „heidnisch“ gewesen sei und die christlichen oder abendländischen Werte zugunsten eines zynischen Nihilismus verraten habe; ein „Grüner“ wiederum wird am Nationalsozialismus gern dessen Militarismus und seine – negativ zu wertenden – Modernisierungsleistungen betonen; und schließlich wäre gar die Position eines Faschisten denkbar, der argumentieren könnte, der Nationalsozialismus habe die ursprüngliche Idee des Faschismus verraten, indem er die Nation durch seine Rassenideologie gespalten habe, während es dem italienischen Original doch um die kämpferische Einheit ihrer Mitglieder gegangen sei, zu welcher der Wille zur Einordnung ins anpackende Kollektiv und nicht die Abstammung entscheidend sei – die biologistische Rassenlehre des Nationalsozialismus dagegen bleibe dem Materialismus des 19. Jahrhunderts verhaftet, den es doch gerade zu überwinden gelte…

Die Nazis, das sind die Anderen. Parallel zur begrifflichen Inflation eines politischen Schmähwortes bis zur absoluten Beliebigkeit hat die politische Linke in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg eine Wende vollzogen, die einer Umkehrung ihrer Grundwerte gleichkommt: Während Karl Marx’ immanente Kritik des real existierenden Liberalismus noch dessen philosophischen Prämissen – dem Universalismus der Aufklärung – verpflichtet war, betreibt die postmoderne Linke eine von deutscher Romantik inspirierte Identitätspolitik, die ihrem politischen Widerpart – dem „Ethnopluralismus“ der Neuen Rechten – in der Ablehnung jenes Universalismus ebenso ähnelt wie in der Idealisierung lokaler Kulturen und ethnisierter Kollektive, aus deren Zwängen ihre vermeintlichen Angehörigen nicht als Individuen auszubrechen haben. So darf heute ein Diktum Carl Schmitts aus den 30er Jahren als verbindendes Credo rechter wie linker Identitätspolitik gelten: „Wer Menschheit sagt, will betrügen.“
In der Konfrontation von Gegenwartsbildern mit historischen Texten des fortschrittsoptimistischen Marxismus des 19. Jahrhunderts und der völkisch-antisemitisch grundierten Fortschrittskritik des frühen 20. Jahrhunderts möchte der Essayfilm „Jahrhundertwende“ noch einmal die Dialektik einer Aufklärung nachvollziehen, die unvollendetes Projekt blieb.